WWW-Erfinder bezeichnet Internet-Überholspuren als Bestechung

In einem Interview hat Tim Berners-Lee, Erfinder des World Wide Web, „Überholspuren“ im Internet – also die Abkehr von der Netzneutralität – als Bestechung bezeichnet. Für die Standortentscheidung von Unternehmen sei ein offenes Internet ähnlich wichtig, wie eine stabile Stromversorgung.

Seit Monaten schwelt ein Kampf um die Deutungshoheit des Begriffs Netzneutralität. Ursprünglich war damit recht eindeutig die diskriminierungsfreie Durchleitung aller Daten gemeint. Allen voran Internet Service Provider, allerdings auch Politiker und Beamte in Deutschland, Europa und den USA, halten jedoch die Einrichtung von Spezialdiensten im Rahmen der Netzneutralität für vertretbar.

Für diese Überholspuren im Internet hat nun der Erfinder des World Wide Web, Tim Berners-Lee recht drastische Worte gefunden. In einem Interview mit der Washington Post bezeichnete er Internet-Überholspuren als Bestechung.

Wir brauchen Regeln. Wenn Unternehmen sich hier niederlassen und ihre Geschäfte hier, statt in Europa, Brasilien oder Australien starten, dann schauen sie sich um und wollen sicher gehen »Oh, bleibt der Strom an?«. Und sie achten auf andere Dinge. »Ist das Internet offen?«. Müssen Internet Service Provider effektiv bestochen werden um einen neuen Dienst zu starten? So wirkt es nämlich von außen. Es ist Bestechung.“, so Tim Berners-Lee in dem Interview.

Hintergrund ist, dass die US-amerikanische Federal Communications Commission (FCC), die vergleichbare Aufgaben wie die deutsche Bundesnetzagentur übernimmt, eine Aufweichung der Netzneutralität plant und es Internetanbietern in Zukunft erlauben will, gegen Bezahlung eine beschleunigte Weiterleitung von Daten zu erlauben.

In dem Interview sagt Berners-Lee, dass das Internet für die meisten Nutzer lediglich eine Ansammlung von Anwendungen und Diensten sei, die sie täglich nutzen. Die zugrunde­liegende Technik und die einzelnen wirtschaftlichen Vereinbarungen, die das Netz ermöglichen interessierten die Nutzer dabei nicht. Das sei auch gut so, denn wenn der einzelne verstehen müsste, wie das Internet im Detail funktioniert, dann hätte es bereits versagt.

Das Internet vergleicht Berners-Lee in seiner grundlegenden Funktion mit der des Geldes. Ein freier Markt funktioniere auch nur dann, wenn niemand außer dem Staat Geld drucke. An dieser Stelle erfolge auch eine staatliche Regulierung, ohne dass der Markt dadurch selbst reguliert werde. Als Tim Berners-Lee vor einem viertel Jahrhundert das World Wide Web erfunden hat, reichte es aus den Computer mit dem Internet zu verbinden. Der Zugangsprovider musste dabei nicht um Erlaubnis gefragt oder zusätzlich bezahlt werden.

(kb)

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